Tibial tuberosity advancement – TTA
Grundlagen und derzeitige Empfehlungen
Daniel Damur & Pierre M. Montavon
Kleintierchirurgie, Vetsuisse FakultŠt, UniversitŠt ZŸrich
Vortrag am SVK Kongress, Interlaken 2006
Der vordere Kreuzbandriss (vKBR) im Knie ist die hŠufigste orthopŠdische Krankheit beim Hund. Extra-artikulŠre Techniken unterstŸtzen die Funktion des vKB, intra-artikulŠre Techniken ersetzen das vKB und die neueren Techniken, wie TPLO und TTA, verŠndern die Biomechanik des Kniegelenkes. Mit allen diesen Techniken wird versucht, die Funktion des Kniegelenkes wiederzuerlangen. Die Ergebnisse mit den extra- und intra-artikulŠren Techniken sind fŸr grosse, aktive Hunde unbefriedigend. TPLO und TTA fŸhren bei mittleren bis grossen Rassen zu besseren Resultaten.
Die Biomechanik im Kniegelenk ist wesentlich fŸr das VerstŠndnis dieser Techniken. Die Summe aller KrŠfte in und um das Kniegelenk bei Belastung ist annŠhernd parallel zum Lig. patellae, dem Kniescheibenband. Die resultierende Gelenkskraft wird unterteilt in eine Normalkraft auf das Gelenk und eine Scherkraft, welche je nach Stellung des Kniegelenkes nach kranial oder kaudal gerichtet sein kann. Die KreuzbŠnder haben die Funktion diese resultierenden intra-artikulŠren ScherkrŠfte aufzufangen.
Liegt das Tibiaplateau im rechten Winkel zum Lig. patellae, kommt die resultierende Gelenkskraft parallel zum Kniescheibenband, und es entstehen keine ScherkrŠfte. Damit werden die KreuzbŠnder entlastet.
In Extension liegt der Winkel zwischen Tibiaplateau und Lig. patellae bei ca. 105¡: Die resultierende Scherkraft zeigt nach kranial, und das vordere Kreuzband wird belastet. Im Gegensatz dazu ist der Winkel in Flexion ca. 80¡, und das hintere Kreuzband steht unter Zug.
Mit einer TPLO bzw. TTA wird die Biomechanik im Knie soweit verŠndert, dass in Extension die ScherkrŠfte verringert werden und damit das vordere Kreuzband gar nicht mehr zur Stabilisation und Funktion des Kniegelenkes benštigt wird.
Im Gegensatz zur TPLO wird bei der TTA die Anatomie der proximalen Tibia nicht verŠndert. Somit treten keine postoperativen Fehlstellungen auf. Bei der TPLO wird das Kniegelenk in eine kŸnstliche Flexion gebracht. Das kaudale Kniegelenkkompartiment wird verengt und das Risiko der Meniskusverletzung wird erhšht. ZusŠtzlich wird der Hebelarm der Extensoren verringert und die Summe der erzeugten KrŠfte wird erhšht. Im Gegensatz dazu wird bei der TTA der Hebelarm vergršssert und die KrŠfte werden verringert, was klinisch von Bedeutung ist: Die meisten Hunde mit einem vKBR zeigen verschiedene Grade von KnorpelschŠden, speziell im Femoropatellargelenk. Eine Verminderung des Drucks zwischen Patella und Femur lindert sofort die Schmerzen im Kniegelenk.
Technik der TTA
Die Chirurgie wird anhand mittels den Ršntgenbildern vom Kniegelenk und einer Schablone geplant. Die Menisken werden arthroskopisch oder mittels einer Mini-Arthrotomie von medial beurteilt und gegebenenfalls chirurgisch mit einer partiellen Meniskektomie behandelt. Bei Ÿber 50% der Hunde mit einem vollstŠndigen vKBR wird eine Verletzung des medialen Meniskus diagnostiziert. Falls der Meniskus intakt ist, kann der mediale Meniskus zur Vorbeugung einer spŠteren Verletzung befreit werden, sog. Meniskusrelease. Der grosse Nachteil ist, dass die Funktion des Meniskus zum Teil verloren geht und es zu zusŠtzlicher Arthrose im Kniegelenk fŸhrt.
Nachdem die proximale Tibia von medial vorbereitet wurde und die Lšcher fŸr die Haken mittels einer speziellen Lehre kaudal des Margo cranialis der Tuberositas tibiae gebohrt wurden, wird eine partielle, sagitale Osteotomie durchgefŸhrt. Die Hakenplatte wird eingesetzt, die Osteotomie vervollstŠndigt und die Tuberositas nach kranioproximal verschoben. Die Tuberositas wir mit der Hakenplatte und einem Platzhalter aus Titanium in dieser Position stabilisiert. Die Osteotomie wird mit Knochentransplantat aufgefŸllt, um die Heilung zu beschleunigen.
Hunde mit einer zusŠtzlichen Patellaluxation kšnnen gleichzeitig behandelt werden, in dem die Position der Tibia Tuberositas nach medial oder lateral verschoben wird.
Nach dem Verschluss der Wunde, wird eine Wundabdeckung oder ein modifizierter Robert-Jones Verband fŸr 2-3 Tage angewendet. Wir empfehlen frŸh mit Physiotherapie zu beginnen, in der Regel nach dem Entfernen der FŠden.
Hunde belasten nach einer TTA bereits nach wenigen Tagen wieder das operierte Bein. Die Hunde sollten in den ersten 8 Wochen nur an der Leine gehalten werden.
Die Hunde kšnnen nach 6 bis 8 Wochen zurŸck zur normalen Belastung. In der Regel sind die Hunde ungefŠhr 4 Monaten nach der Operation lahmheitsfrei.
Seit Dezember 2001 werden Hunde mit einem vKBR am Tierspital ZŸrich mit einem Advancement der Tuberositas Tibiae operiert. †ber 150 klinische FŠlle wurden in der Folge operiert. Die Technik und die Implantate wurden in dieser Zeit verfeinert und angepasst. Mehrere hundert FŠlle wurden im Jahr 2004 in Europa, Japan und den USA im Rahmen einer klinischen, multizentrischen Studie operiert. Im Vergleich zur TPLO wurde die Technik als einfacher und weniger invasiv beurteilt. Ende 2004 wurde die Technik weltweit in verschiedenen Kliniken angewendet. Bis jetzt operieren um die 200 Chirurgen weltweit, davon 25 TierŠrzte in der Schweiz. Insgesamt wurden seit Ende 2004 Ÿber 7000 FŠlle operiert.
Zu den erfassten Hauptkomplikationen gehšren vor allem technische Probleme durch den Chirurgen. Die Position des KŠfigs und der Osteomieschnittes sind die kritischen Punkte. Zudem haben wir gesehen, dass das korrekte Beurteilen des Meniskus zum Erfolg der Technik beitragen kann. Viele okkulte Meniskusverletzungen wurden Ÿbersehen und fŸhrten spŠter zu Komplikationen, die eine 2. Chirurgie fŸr die partielle Meniskektomie erforderten.
Weitere Probleme waren: Verletzung der Sehne des M. extensor digitalis longus, Implantatversagen, periartikulŠre Infektion, Fraktur der Tuberositas tibiae, Fraktur der Tibia. Die Komplikationsrate liegt jetzt bei ca. 3%.
Nach bald 5 Jahren Erfahrung mit der TTA kšnnen wir die Technik zur Behandlung des vKBR bei Hunden empfehlen.

á Montavon, P. M., D. M. Damur, et al. (2002). Advancement of the tibial tuberosity for the treatment of cranial cruciate deficient canine stifle. 1th World Orthopaedic Veterinary Congress, Munich.
á Tepic, S., D. M. Damur, et al. (2002). Biomechanics of the stifle joint. 1th World Orthopaedic Veterinary Congress, Munich.
á Imhof J, K.Voss, PM.Montavon (2005).Tibial Tuberosity Advancement (TTA) for the treatment of cranial cruciate disease in dogs: evaluation using force plate gait analysis.ECVS annual scientific meeting, Lyon.
á Damur, DM.(2005). Advancement of tibial tuberosity: Clinical Results. ACVS Veterinary Symposium, San Diego, USA
á Hoffman, D., J. Miller et al.(2006) Short term results of TTA procedures performed in 57 dogs with Cranial Cruciate Ruptures. 2nd World Orthopedic Veterinary Congress, Keystone, USA.